Weiter massive Kritik an IV-Vertrag der AOK Niedersachsen

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Dez 062010
 

Die Welle der Empörung über den IV-Vertrag der AOK Niedersachsen zur Versorgung von Schizophrenie-Erkrankten Menschen reißt nicht ab. Wie schon am 31.10. hier beschrieben, bezieht sich die Entrüstung insbesondere auf die vertragsnehmende Managementgesellschaft I3G, einer 100%igen Tochter des Pharmaunternehmens Janssen.

Auch die BAPP teilt die Skepsis gegenüber der Entscheidung, den Vertrag mit einem Pharmakonzern abzuschließen. Allerdings denken wir, dass die aktuelle Kritik oft zu kurz greift und wenig differenziert scheint. Um die Diskussion vom alleinigen Fokus auf die I3G zu erweitern, veröffentlicht die BAPP heute folgende Stellungnahme:

Stellungnahme der BAPP zum IV-Vertrag der AOK Niedersachsen für Menschen mit Schizophrenie

Des weiteren haben wir aus aktuellem Anlass unsere Bundestagung vom 27. – 29.01.2011 in Cloppenburg, unter das Schwerpunktthema „Integrierte Versorgung“ gestellt. Am Freitag, den 28.01. werden Befürworter und Kritiker des genannten Vertrages zu Wort kommen und sich bei einer Podiumsdiskussion austauschen können.

Weitere Positionen zum IV-Vertrag:

Kritik an IV-Vertrag der I3G GmbH

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Okt 312010
 

Im Rahmen des Dreiländerkongresses „Pflege in der Psychiatrie“ in Bielefeld, wurde erneut massive Kritik am Vertrag der integrierten Versorgung (IV) der AOK Niedersachsen laut.

Dieser Direktvertrag wurde als Budgetvertrag für ganz Niedersachsen geschlossen und schließt nur Schizophrenie-Diagnosen ein. Er umfasst somit die Versorgung von ca. 12.000 Versicherten mit einer Diagnose aus dem Schizophrenie-Bereich. Die Vertragsnehmerin ist die vor Kurzem neu gegründete Managementgesellschaft, die I3G GmbH, eine 100 %ige Tochter des Pharmaunternehmen Janssen-Cilag.

Mit der operativen Ausführung vor Ort in Niedersachsen hat die I3G GmbH die Care4S GmbH (Care for Schizophrenia) beauftragt. Die Care4S baut Netzwerke von Leistungserbringern, insbesondere aus dem niedergelassenen fachärztlichen Bereich und dem Bereich der ambulanten psychiatrischen Pflege in Niedersachsen auf.

Erstmals in Deutschland begibt sich die Pharmaindustrie auf das Feld der psychiatrischen Versorgung und schafft ein Versorgungsmodell mit eindeutiger Profitabsicht. Ein Rollout des Vertrages in Deutschland und ganz Europa ist erklärte Absicht.

Schon bei der Vorstellung des Modells im Rahmen der BAPP-Bundestagung in Celle, waren deutliche Bedenken unterschiedlicher Art zu vernehmen.

In Bielefeld äußerte sich Volkmar Aderhold sehr deutlich. Der Gedanke, dass Ärzte und Fachpflegekräfte bei Pharmakonzernen angestellt sind und sich in deren Abhängigkeit befinden, lässt wenig Gutes erwarten. Der aus der Neuroleptika-Debatte bekannte Aderhold befürchtet die Verknüpfung eines rein medizinischen Konzeptes mit den Gewinninteressen eines Pharmamultis. Die Folgen einer einseitig pharmakologischen medizinischen Behandlung sei in der psychiatrischen Versorgung hinlänglich bekannt.  Diese einseitig medizinische Ausrichtung stelle ein reduktionistisches Modell dar.

Die DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.) meint zu diesem Thema:
„Die Motive für diese obskure Partnerschaft sind komplex: sicher spielt der Angriff auf die Kassenärztliche Vereinigung auf Seiten der Krankenkassen eine Rolle. Hauptgegner ist mit Sicherheit die Klinik. Die Ankündigung von IVP Networks GmbH, 60% der Einweisungen mit der Diagnose Schizophrenie vermeiden zu wollen, kann für die Krankenhauspsychiatrie getrost als Kriegserklärung verstanden werden. […] Die Privatisierungsideologie hat in Deutschland noch eine erschreckend große Gemeinde von Gläubigen. Die Tendenz, soziale Problemfelder durch Marktmechanismen zu sanieren, gehört zu den abenteuerlichsten Ideen. Dabei wird aber auch vor keinem Tabubruch zurückgeschreckt. Zu den Eigenarten solcher Prozesse gehört, dass die Vertragsgestaltung unter privatrechtlichen Bedingungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgt. Welche Gelder hier von wem für was gezahlt werden, bleibt einer kritischen Kontrolle vorenthalten. Dass Selektivverträge grundsätzlich auch Wahlfreiheiten einschränken, spielt dann auch keine Rolle mehr.“

Die BAPP hat ihre Bundestagung im Januar 2011 in Cloppenburg unter das Schwerpunktthema „Integrierte Versorgung“ gestellt. In diesem Rahmen sollten verschiedene IV-Modelle vorgestellt werden. Aufgrund der aktuellen Entwicklung bzgl. des Vertrages mit I3G, beabsichtigt die BAPP diesem Thema ein adäquaten Raum zu geben. Geplant ist die Möglichkeit eines Austausches/einer Diskussion von Vertretern unterschiedlichster Standpunkte. Volkmar Aderhold hat zugesagt teilnehmen zu wollen.

Links zum Thema:

> AOK-Pressemitteilung

> Artikel Neuro-Online

> Pressespiegel Brücke Schleswig-Holstein gGmbH